Ich bin im Jahre 1967 in einer kleinen polnischen Stadt geboren. In einem großen Garten an einem alten Adelshaus, in dem ich aufgewachsen bin, wuchsen Obstbäume mitten im halb verwilderten, ungemähten Gras. Vor dem Gebäude erstreckte sich ein einige Hektar großer Kiefernpark mit Alleen und einem Spielplatz.

 Als ich eines Tages bemerkte, welches Ende des Kugelschreibers auf Papier Spuren hinterlässt, setzte meine Oma, die mich betreute, ein Tageslimit für schneeweiße Papierblätter, die sie mir zur Verfügung stellte. Doch wegen meiner Proteste und Hungerstreiks wurde diese festgelegte Grenze häufig überschritten.

 

 Ein Auszug aus dem Interview mit Nina Neumann vom Februar 2016

 

                           Wie ist Deine Einstellung zur Kunst, und genauer gesagt zur Malerei?

 

Ich denke, sie sollte die Seele berühren und die Fantasie provozieren. Sie sollte zum Innehalten und Nachdenken veranlassen. Sie hat auch das Recht, die Menschen wachzurütteln, wenn sie nicht zufällig humanitäre Werte vermitteln soll. Es ist schwierig, die Kunst mit Worten zu definieren, insbesondere die eigene Kunst. Das wissen am besten diejenigen, die über sie täglich schreiben. Unser Wortschatz ist zu bescheiden und jeder empfindet was anderes bei ihrer Rezeption. Wenn jemand wie verzaubert vor einem Gemälde steht und ein anderer versucht, ihm zu erklären, woran der Künstler beim Schaffen seines Kunstwerkes womöglich dachte, dann zerstört er alles. Ein Wort kann das Gesamtbild zunichtemachen. Meine Einstellung zur Malerei hat mystische Natur, sie ist für mich etwas, was anhand der Sprache nicht definiert werden kann. Ich gebe mich diesem Etwas grenzenlos hin, das mir dann sagen wird, ob ich mich ihm restlos hingegeben habe oder nicht.

 

                                       Wie würdest Du Deine Malerei definieren?

 

 

Ich denke, dass ich ständig auf der Suche bin. Ich bin ein junger Maler, wobei ich das Wort „jung“ auf meine Malerei beziehe, denn erst vor einigen Jahren habe ich allen Fragen und gedanklichen Assoziationen, die ich seit meiner Kindheit in mir trug, freien Lauf gelassen. Ich übertrage auf die Leinwand das, was mich bedrückt und zum Nachdenken veranlasst. Ich schreibe kein Tagebuch. Einmal verwende ich Ästhetik, die noch nicht verboten ist, ein anderes Mal verwende ich Humor, der, nach dem Aphoristiker Peter Hille zitierend, „der beste Modelleur der Welt ist“. Und noch ein anderes Mal verwende ich das Spiel, als ob ich weiterhin in einem großen Garten spielen würde.

 

In meinem Gemälde „Frühstück im Gras“ oder „Frühstück im Grünen“, je nachdem, welcher Sprache wir uns

 

bedienen, stelle ich ein von berühmten Malern so häufig aufgegriffenes Thema aus einer völlig anderen

 

Perspektive dar.

 

Ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden, um dadurch besser wiedererkannt zu werden, und ich

 

strebe keinen einmaligen Stil in meinem Schaffen an. Doch wer weiß? Vielleicht eines Tages? In meiner

 

Malerei geht es ähnlich wie im Leben zu: Ein krampfhaftes Festhalten an allen bekannten Dogmen und

 

Normen lässt keine Entwicklung zu. Zuerst muss ich etwas zurückgeben, um etwas Neues zu gewinnen.

 

Ich bin der Meinung, dass man nur dank großer Mühe und gewisser Entsagungen in bisher unbekannte

 

„Gewässer“ hinausfahren kann.

 

Dank der Kunst, und in meinem Fall der Malerei, kommt noch das Problem der Selbsterkenntnis hinzu.

 

Es ist ein Weg, der nicht immer auf Rosen gebettet ist. 

 

                           

                 Über diesen Weg zur Selbsterkenntnis und darüber, welche wichtige Rolle das                                         

                  Unterbewusstsein im Leben spielt, spricht man immer häufiger.

 

                  Hältst Du das für eine gute Richtung?

 

 

Selbstverständlich, obwohl ich von diesen häufig leeren Parolen über das Unterbewusstsein langsam

 

Kopfschmerzen bekomme. Seit Joseph Beoys in Deutschland und Henryk Tomaszewski in Polen, die ihre

 

Schüler dazu anregten, Stereotype abzubauen, statt Schemen zu erliegen, und ihren Intellekt dadurch zu

 

entfalten, dass man zur Selbsterkenntnis gelangt und seine „Wunden“ erkennen lernt, hört man immer

 

seltener von Pädagogen, die gerade diesen Weg zur Selbsterkenntnis propagieren. Vielleicht würde es dann

 

jedem Künstler leichter fallen, für sich mehr Rezipienten zu gewinnen. Denn darum geht es hier wohl: Eben

 

darum, möglichst viele Menschen für eine gute Sache zu gewinnen.

 

Der heilige Augustinus sagte, dass die Menschen große Reisen unternähmen, um die hohen Berge, die Fluten

 

des Meeres, die Bewegungen von Gletschern und Gestirnen zu bewundern. Doch wir könnten unser ganzes

 

Leben an uns selbst vorbeigehen, ohne uns im Geringsten begeistern zu lassen.

 

 

Dadurch, das wir einen solchen Weg zurücklegen, lernen wir andere Werte kennen und haben mithin mehr

 

Achtung vor uns selbst, vor der Natur und vor anderen Menschen sowie mehr Zeit, unsere Vorstellungskraft

 

zu entfalten. Und wie wir wissen, ist es die Vorstellungskraft, die unsere Wirklichkeit kreiert.